Freiflug der Fantasie

Freiflug der Fantasie

Schon der Maler Otto Modersohn schätze die Natur im Tecklenburger Land „stumm vor Entzücken“.
[Wanderbares Deutschland 2020]

DIE GEGEND zog mich ungemein an. Wunderwerke waren die Abende zumeist, wenn ich am Schlossberg stand, so still, so klar, so feierlich, wie da die ganze Natur war; da konnte ich lange Zeit, gewissermaßen starr und stumm vor Entzücken dastehen.“ So notierte sich Otto Modersohn 1886 in sein Tagebuch während einer seiner Ferienaufenthalte in Tecklenburg. Hätte es vor einhundert Jahren die 17 Teutoschleifen und -schleifchen in der Premium-Wanderregion Tecklenburger Land schon gegeben, der westfälische Landschaftsmaler wäre sie wohl allesamt gewandert.

TECKLENBURG liegt als einziger Ort weithin sichtbar auf dem Kamm des Teutoburger Waldes. Hübsche Fachwerkhäuser reihen sich entlang Kopfsteinpflastergassen. Darüber thronen die verbliebenen Mauern der einstigen Höhenburg Tecklenburg. Alles wirkt angenehm verschlafen und romantisch, als ich mich auf den Weg vom Marktplatz auf „Modersohns Spuren“ zur Burg aufmache. Gute Schuhe sind auf den Wanderwegen im Tecklenburger Land eindeutig von Vorteil. Selbst auf dem Premium-Spazierwanderweg zu den beliebtesten Motiven des Landschatfsmalers gibt es – wenn auch nur kurze – anspruchsvolle Abschnitte auf schmalen Naturpfaden. Auf der Treppe vor dem Otto-Modersohn-Museum gibt mir Uta Jenschke, Leiterin der beeindruckenden Sammlung Modersohnscher Frühwerke, noch den Tipp mit auf den Weg „über den Tellerrand zu schauern“ und meine Spurensuche bis in die „Tecklenburger Romantik“ auszudehnen. Der zweite Premiumweg mit Start und Ziel in Tecklenburg ist vielmehr „Zeitreise“, als nur der erste zertifizierte „Stadtwanderweg“ in Nordrhein-Westfalen.

VON DER WEITLÄUFIGEN BURGANLAGE, wo im Sommer in Deutschlands größtem Freilichtmusiktheater seit 1924 Theaterstücke, Opern und Musicals aufgeführt werden, führt die Stadtwanderung erstaunlich anregend über Felsenwege hinab bis zum Gutshof „Haus Hülshoff“. Weil Redakteure meist wenig Zeit haben, schummle ich auf meiner Wanderung und lasse mich ein Stück mitnehmen – aber das mit Stil. Postillon Hans-Jörg Siepert erwartet mich schon mit einer heißen Tasse Kaffee im „Wartestübchen“. Zwei, drei Schluck müssen aber genügen. Die zwei riesigen Kaltblutpferde vor der leuchtend gelben Kutsche der Kaiserlichen Reichspost scharren schon ungeduldig mit den Hufen. Ein freudiges Schnauben quitiert den Zuruf zum Losfahren.

AUF DEN BEQUEMEN PLÜSCHPOLSTERN im viersitzigen Omnibuswagen ließ sich einst das gehobene Publikum der Kaiserzeit durch die Landschaft kutschieren. Ich darf ausnahmsweise auf dem Bock sitzen, während wir untermalt vom Hufklappern durch die Tecklenburger Talaue reisen. „1999 bin ich hier noch als Lokführer mit dem alten Dampfzug Teuto-Express gefahren“ erzählt mir Hans-Jörg Siepert, während er auf die parallel zum Sträßchen verlaufenden Gleise der heutigen Museumsbahn „Teutoburger Wald-Eisenbahn“ deutet. „Unter Dampf geht es schon ein wenig schneller. Jetzt genieße ich mit meinen Fahrgästen vollends die Langsamkeit des Reisens.“ Seine Preußische P8 Dampflokomotive schaffte mit ihren 1180 PS immerhin bis zu 100 km/h. Womble und Laif, unsere beiden „Dicken“ vorne an der Deichsel, sind da doch deutlich gemächlicher und lassen sich nicht einmal durch Sieperts verschiedene Posthornklänge aus der Ruhe bringen.

LANGSAM zieht die Landschaft an uns vorbei. Das idyllisch in seinem Teich schlummernde Wasserschloß Haus Marck kommt ins Blickfeld. Der nächste Platz mit viel, viel mehr Geschichte, als es der erste Blick vermuten lässt. Wo heute die Familie Freifrau von Diepenbroick-Grüter wohnt, befand sich schon im 14. Jahrhundert eine erste Burg der Ritter von Horne. 1643 rückte das kleine Renaissancehaus in den Blickpunkt, als hier die Vorverhandlungen zum Westfälischen Frieden stattfanden und das Ende des Dreißigjährigen Krieges auf den Weg gebracht wurde. Neugierig geworden? Führungen durch die historischen Räume finden von Anfang April bis Ende Oktober jeweils samstags statt.

SZENENWECHSEL. Die Fachwerkidylle und geballte Geschichte von Tecklenburg weichen auf meinen nächsten Wanderkilometern weiten Aussichten übers Münsterland und ins Osnabrücker Hügelland. Erste Felskuppen am Tecklenburger Bergpfad – der hier parallel zum Qualitätsweg Hermannshöhen verläuft – kündigen bereits den landschaftlichen Höhepunkt der Teutoschleifen und -schleifchen an: die Dörenther Klippen, jenseits des Bocketals. Bis zum Ibbenbürener Pass erstreckt sich auf rund 4 Kilometern eine eindrucksvolle Felsenlandschaft, wie ich sie hier nicht vermutet hätte. Königsstein, Dreikaiserstuhl, Plisseefelsen und das Hockende Weib ragen bis zu 40 Meter auf. Eine Sage berichtet letzterer sei eine zu Stein gewordene Mutter, die ihre Kinder vor den herannahenden Fluten gerettet hat. Oft sieht der Dunst über dem Münsterland tatsächlich aus wie Wasser, wird auch als „Westfälisches Meer“ bezeichnet. Vielleicht hat das die Geschichtenerzähler aus fernen Zeiten inspiriert. Was sie nicht wissen konnten: Die Sandsteinklippen sind durch Sedimentablagerungen im Kreidemeer entstanden und durch tektonische Prozesse aufgestellt worden – in der Kreidezeit, vor 65 bis 120 Millionen Jahren.

AUF DER ALMHÜTTE IBBENBÜREN freut sich Wirt Horst Gövert über jeden Gast. Der bekennende Fan von Schalke 04 hat das Ausflugs- und Wanderlokal am Hockenden Weib – das schon 1933 eröffnet wurde – 2003 nach einem Brand von seinen Eltern übernommen und nebst Biergarten und Aussichtsplattform in Eigenregie neu aufgebaut und zum Pflichtziel der Wanderer auf Teutoschleifen und an den Hermannshöhen gemacht. Dass Schottland Horst Göverts zweite große Liebe neben „Königsblau“ ist, lässt sich kaum übersehen: fasziniert stehe ich vor einem riesigen, handgeschnitzten keltischen Kreuz. Horst legt seine Hand auf meine Schulter und dreht mich zur Theke. „Komm mal mit. Ich habe etwas mit besonderem Bezug zu den Highlands im Regal stehen“. Almhütten-Gin, verfeinert mit einem zarten Hauch von Bärlauch aus dem Teutoburger Wald. Ich staune noch mehr über den scheinbar unermüdlichen Tatendrang meines Gastgebers und den Enthusiasmus für seine Almhütte – und über das zusätzliche Gewicht meines Rucksacks. Der ist nach der Einkehr deutlich schwerer als zuvor. Sláinte, Horst!

ZEITREISEN ist das Motto meiner Wandertage im Tecklenburger Land. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert und in der Kreidezeit war ich schon unterwegs. Mein letzter Wandertag lässt mich nochmals durch die Zeitgeschichte rasen: 4000 Jahre zurück bis in die Jungsteinzeit. Im Wald bei Westerkappeln stapeln sich mächtige Findlinge übereinander. Die Natur hatte nicht die Finger im Spiel. Es waren Menschen der Trichterbecherkultur, die uns mit den Großen Sloopsteenen das größte und am besten erhaltene Großsteingrab in Westfalen hinterlassen haben. Erstaunlich hier fast alleine zu wandern. Selbst am idyllischen Niedringhaussee ist niemand unterwegs. Herrliche Stille macht sich breit. Meine Schuhe sind längst ausgezogen, die Zehen spielen im feinen Sand. Die müde gewordenen Beine ausruhen und die Natur beobachten ist am Rundweg um die einstige Sandgrube erlaubt, Baden jedoch nicht. Das wertvolle, von intaktem Auwald umgebene Biotop ist ein wichtiger Rückzugsort für viele Wasservögel sowie seltene Eidechsen- und Libellenarten. Statt Badehose packt man also besser Feldstecher und Kamera ein.

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