Ein schmaler Pfad schummelt sich um eine kecke Bergkante. Tief unten gluckert der Fluss. Grünes Moos leuchtet auf dunklen Felsen. Farn wippt im Wind. In den Baumwipfeln krächzt ein Eichelhäher. Dem gefällt es wohl gar nicht, dass Nature-Fitness-Autor Thomas Bichler schon am frühen Morgen über den gezackten Kamm der Crêtes de Frahan wandert – oder besser lustwandelt.
[Nature Fitness, I 2013]
Erstaunlich. Das Wanderland Belgische Ardennen ist in Deutschland noch ein echter Geheimtipp. Dabei bieten die rauen, waldreichen Hochmoore des Hohen Venn, die lichtdurchflutete Parklandschaft der Famenne und die wilden Täler der Semois, der Ourthe oder der Lesse großartige Wandermöglichkeiten in einer eindrucksvollen Natur- und Kulturlandschaft. Über den Flüssen stehen stolze Burgen und prächtige Schlösser, stattliche Gutshäuser verstecken sich am Ende langer Alleen und schmucke Bauerndörfer ducken sich zwischen grüne Hügel.
Steil geht es jetzt bergauf. Ab und an brauche ich die Hände zum Höherkommen. Der Weg wird zum Felsensteig. Vier Eisenleitern und ein Brückchen helfen über den höchsten Gratpunkt der Crêtes de Frahan hinweg. Vom einstigen Château de Montragut zeugen dort nur noch wenige Mauern. Die Aussicht auf die steilen Prallhänge der Semois ist dafür umso eindrucksvoller. Mit etwas Turnbegabung lässt sich ein paar Schritte weiter der „Rond Rocher“ erklettern (wenn es trocken ist!). Dann stehe ich eigentlich viel zu schnell auf dem letzten Felshöcker oberhalb des ehemaligen Tabakdörfchen Frahan. Ein herrlicher Platz. Perfekt zum Hinsetzen und Schauen: Hinab auf dicht um die Kirche gedrängte Ardennenhäuser, hinauf zur Silhouette von Rochehaut oder auf die zwei Schwäne, die im Formationsflug die weit geschwungene Talschleife ausfliegen. Fürs Wandern belohne ich mich am Nachmittag mit einem Abstecher ins nahe Bouillon. Das Städtchen liegt in einer weiteren Flussschleife der Semois und wird beherrscht von einer eindrucksvollen Burganlage auf einem senkrecht aufragenden Felssporn. Einer der Burgherren war Godefroy de Bouillon, der nach dem Ersten Kreuzzug 1099 zum Regenten von Jerusalem wurde. Unterhalb der Festung drängt sich ein hübsches Altstädtchen mit zahlreichen Restaurants und Cafés zwischen Felsen und Flussufer. Darunter auch die Patisserie von Philippe Legrande in der Grand Rue, wo ich mir eine kalorienreich-leckere Birnentarte zum Café au lait gönne. Vis-a-vis, am anderen Ende der Brücke über die Semois, verkauft Benoît Hennon den berühmten Ardenner-Schinken. Geraucht oder luftgetrocknet gehört er für eine Ardenner Brotzeit genauso in den Rucksack wie ein großes Stück Orvalkäse. Der wird noch bis heute – wie auch das berühmte Trappistenbier, im großartigen Klosterkomplex von Orval hergestellt.
Geschmacksexplosion auf dem Löffel
Gutes Essen spielt in der Wallonie eine ebenso große Rolle, wie schönes Wandern. Eric und Tristan Martin vertreten die neue belgische Küche jenseits von Pommes-Frites und Moules à la crème. In ihrem Restaurant Le Lemonnier im beschaulichen Lavaux-Sainte-Anne kommen bevorzugt heimische Produkte auf den Tisch. Aus dem Nachbardorf stammen die Schweinefilets von „Freund Bertrand“, gleich daneben wachsen Grünkohl und Kartoffeln. Ihre Küche steht für „saisonale Haute cuisine“. Sie schrecken aber auch vor Molekularküche nicht zurück. So wird ein erstes Staunen über das Arrangement auf dem Teller beim Probieren von einer Geschmacksexplosion pulverisiert. Bei allen Zaubertricks ist es Eric Martin wichtig „dass das Produkt den Geschmack gibt“. Selbstverständlich serviert der Sommelier des Hauses zu jedem Gang den passenden Wein. „Frédéric überrascht unsere Gäste im Sommer aber auch gerne einmal mit einem Tee aus selbstgepflückten Waldblumen“ verrät mir Eric Martin beim Frühstückskaffee und gibt mir gleich noch den Tipp „unbedingt noch das Renaissance-Wasserschloss im Ort zu besuchen“. Neben seinen drei Museen punktet es mit seiner malerischen Lage in einem Feuchtbiotop, das ein Lehrpfad erschließt. Viel Wald, offene Heckenlandschaften und aufgefaltete Kalkfelsen charakterisieren die Region Famenne. Wer sie zu Fuß erkunden möchte muss Eric Martin nur fragen. Flugs zeichnet er seinen Gästen einen Wanderweg in die Karte und weiß auch noch welche Kräuter am Weg wachsen – die dann am Abend natürlich auf dem Teller liegen. Spielt das Wetter einmal nicht mit, bietet sich ein Gang in die Unterwelt an. Im benachbarten Han-sur-Lesse hat sich der Fluss Lesse – laienhaft ausgedrückt – „ein Stück Weg gespart“ und eine weitgezogenen Talschleife einfach durch den Berg abgekürzt. Dabei ist eines der faszinierendsten und größten Höhlensysteme Europas und eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Belgiens entstanden. Wer Höhlenwelten mit weniger Trubel sucht, weicht in die nicht weit entfernten Tropfsteinhöhlen Lorette-Rochefort und Hotton aus.
Aus dem Wald auf den Tisch
Saint-Hubert gilt als „europäische Hauptstadt der Jagd und der Natur“. Mächtig ragt die gotische Basilika über den Häusern des kleinen Städtchens auf. 825 wurden die Gebeine des heiligen Hubertus hierher überführt. Sein leerer Sarkophag steht noch im kolossalen Innenraum. Der Heilige selbst ging in den Wirren der Jahrhunderte verloren. Wenige Meter die Straße abwärts steht das „L‘Ancien Hôpital“ von Hans Swaan. Wer in die alten Mauern tritt, wird überrascht sein. Innen wartet modernstes Interieur, gepaart mit knisternder Lagerfeuerromantik. Aus Flandern in die Wallonie „eingewandert“ gehört auch Hans Swaan zu den Botschaftern der „Wallonie für Genießer“. Und auch er interpretiert das möglichst regionalbezogen. Beim knusprig frittierten Orvalkäse auf Wildschweinschinken und gefüllter Perlhuhnbrust (natürlich alles Produkte aus der Nachbarschaft) erzählt er mir von den vielfältigen Wandermöglichkeiten rund um Saint-Hubert. „Nirgendwo gibt es in Belgien so viel Wald wie hier, gespickt mit funkelnden Bachläufen und stillen Moorseen“ verkündet er nicht ohne Stolz und deutet auf die große Wanderkarte im Foyer. Sein Tipp führt mich zurück ins Tal der Lesse, an den Oberlauf zwischen Maissin und dem winzigen Bücherdörfchen Redu. Nach dem Vorbild des walisischen Hay-on-Wye entwickelt sich Redu seit 1984 zu einem einzigen großen Antiquariat. In den bislang 22 Buchläden lässt sich herrlich die Zeit vertrödeln – und so manche (Lese-)kostbarkeit entdecken.
Es ist ein Genuss früh morgens am Étang du Pont d’Oye zu sitzen. Langsam steigt der Nebel über dem kleinen Stausee auf. Das gleichnamige Schloss spiegelt sich im Wasser. Einzig ein paar vorlaute Enten schnattern durch die Stille des Morgens. Wer weiter geht, erreicht nach wenigen Minuten die zerfallenen Mauern der ehemaligen Eisenschmiede Forge du Prince. Habay-la-Neuve war im 16. bis 18. Jh. ein wichtiger Standort der wallonischen Eisenproduktion. Die heute so idyllisch daliegenden Seen dienten zum Antrieb der Maschinen. Von mir aufgeschreckt startet ein Silberreiher mit langen Flügelschlägen von einem ins Wasser gekippten Baum und schwebt wie eine schneeweiße Erscheinung davon. Weniger irritiert sind zwei rabenschwarze Kormorane auf dem anschließenden Etang de la Fabrique. Die glauben wohl ich hätte sie vor dem Dunkel des Waldes nicht gesehen? Wieder habe ich so ein Plätzchen zum Sitzenbleiben gefunden. Aber ich raffe mich auf, wandere zurück nach Habay-la-Neuve und werde eine knappe Stunde später von „Jean le Chocolatier“ in seinem Laden begrüßt. Wer wandert, darf auch naschen. In Südfrankreich geboren tourte Jean-François Vaux seit 1997 durch die belgische Gastronomie und hat seit 2003 seine Berufung „im Schokoladenträume verwirklichen“ gefunden. Er macht nicht einfach Schokolade, er „spielt mit Aromen und Gewürzen“ erzählt er mir, als wir in seiner Küche über mögliche Kombinationen philosophieren. Nichts was mir einfällt hat er noch nicht probiert: Natürlich Früchte aller Couleur, Nougat, Kokosnuss oder jede Art von Nüssen – aber eben auch Oliven, Kümmel, Koriander, Safran, Piment oder Wasabi. Spezialität des Hauses ist die Kombination von Jeans Pralinen und einem speziell auf den kombinierten Genuss abgestimmten Bier seines Freundes Christophe Gillard. „La Jean Chris“ – man muss es probieren.
Mit einer großen Pralinenpackung sitze ich später auf den Mauern der kleinen Abteiruine von Clairefontaine, schon nahe der Grenze zu Luxemburg. Rundum umgibt mich wieder tiefe Waldeinsamkeit, während eine Praline in meinem Mund schmilzt und ich langsam spüre wie das „Piment d’Espelette“ in meinem Hals zu brennen beginnt. Sehr schön. Hier mag ich bleiben.