Nachdem ich vergangenen Februar das zweifelhafte Vergnügen hatte selbst eine Patellarsehnenruptur zu erleiden, habe ich in den langen und zahlreichen Stunden im Bett versucht etwas über meine Verletzung herauszufinden. Erstaunlicherweise war die Ausbeute mehr als dürftig und (seinerzeit) höchst „ronaldobezogen“ – btw: was macht eigentlich seine Sehne?
Nachdem ich im Laufe der Zeit auch feststellen musste, dass meine Gesprächspartner entweder gar nichts damit anzufangen wussten oder völlig falsche Vorstellungen hatten, schreibe ich hier (für alle die auch damit geplagt sind) kurz auf, was so eine Patellarsehnenruptur an Auswirkungen und vorübergehenden Folgen hat.
Ein Leitfaden der orthopädischen Chirurgie der Universität Düsseldorf bringt es kurz und knapp auf den Punkt: „Die Patellarsehnenruptur ist eine teilweise oder vollständige Kontinuitätstrennung des Ligamentum patellae durch direkte bzw. indirekte äußere Gewalteinwirkung oder durch plötzliche körpereigene Kraftanstrengung.“

Was war passiert? Während einer Schneeschuhtour an einem strahlenden Wintertag bin ich beim nachmittäglichen Abstieg von der Hochalp in ein Schneeloch getreten und dabei mit dem Schneeschuh hängen geblieben. Schwungkraft und Gewicht des Rucksacks haben dafür gesorgt das der Rest meines Körpers weiter in der Abwärtsbewegung war, nicht so jedoch das eingeklemmte Bein. Die Folge war ein Sturz von rund 15 Metern. Schon während der Rutschphase war ein deutlicher Schmerz im Knie zu spüren, der sich beim spontanen Aufstehversuch ins unerträgliche steigerte. Beim Griff ans Knie war anstelle der Kniescheibe nur noch ein tiefes Loch zu ertasten. Gott sei Dank war ich nicht alleine unterwegs. Ohne Begleitung wäre ich angesichts der höllischen Schmerzen wohl nie an mein Handy im Rucksack gekommen. Tipp: Handy immer in der Brusttasche tragen!
An dieser Stelle ein Lob an die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega. Keine zehn Minuten nach dem Hilferuf über 1414 war schon das Knattern des Helikopters zu hören. Und dies, obwohl an diesem Wochenende einiges los war in den Schweizer Bergen. Aus einer Medienmitteilung der Rega war zu entnehmen, dass „das Wochenende im Übrigen gezeichnet war durch eine sehr intensive Einsatztätigkeit. Von total 124 Einsätzen flog die Rega deren 85 für verletzte Wintersportler.“ Davon leider auch einen für eine Bergsteigerin der Konstanzer DAV-Sektion, die beim Eisklettern von einem Eiszapfen erschlagen wurde.
Nach der Erstversorgung am Berg, dem (übrigens sehr schönen) Rettungsflug ins Spital Wattwil und dortigem Röntgen und Ruhigstellen ging es, ausgerüstet mit Krücken und Donjoy-Schiene weiter ins heimische Hegau-Bodensee-Klinikum Radolfzell.
Erste Operation
Bei der Operation (Teilnarkose mittels Spinalanästhesie) wird die Kniescheibe wieder an die richtige Stelle gezogen und die Patellarsehne an beiden Rissenden durch eine entlastende Naht einander angenähert, wodurch die Rissstelle mechanisch geschützt ist. Zusätzlich wird durch feine Nähte eine Reorientierung der einzelnen Faserbündel vorgenommen und die Gleitschicht rekonstruiert. Eine Drahtcerclage wird durch Kniescheibe und Schienbein gezogen und dient als zusätzliche Ruhigstellung der Ruptur. Anschließend wurde die Wunde geklammert und verbunden. Ein Gips blieb mir dank der Schweizer Erstversorgung mit der Donjoy-Schiene erspart. Diese wurde während der kommenden 12 Wochen zum zwar treuen aber immerhin abnehmbaren Begleiter.
Nach der zweistündigen OP folgte ein zehntägiger Krankenhausaufenthalt, mit Einleitung erster Mobilisierungen des Kniegelenks an einer elektrischen Bewegungsschiene mit Flexion 0-0-30 und unterstützender postoperativer Physiotherapie bei leichtem Sohlenkontakt. Die folgenden Wochen waren geprägt durch kontinuierliche Beugungswinkelerhöhung auf 0-0-90 Flexion und Gehschulung mit „Stockeinsatz“ bei allmählicher Teilbelastung bis hin zur Vollbelastung in der Donjoy-Schiene. Fortdauernde Thrombosebehandlung mittels subcutaner Spritzen und Muskelstimulation mit Tens-Gerät. Die Sehne ist in der Regel nach 6 bis 8 Wochen verheilt.
Zweite Operation
Zwölf Wochen nach dem Unfall wurde die Cerclage in einer weiteren Operation (Vollnarkose) entfernt und ein Nervus-Femoralis-Katheter in der Leiste gelegt, um Knie und Bein im narkotisierten Zustand auf volle Beugung zu bringen. Dabei wurde zweimal täglich etwa eine Stunde vor der Physiotherapie ein Narkosemittel eingespritzt, was zwar das gesamte Bein völlig „matschig“ machte, aber Übungen im schmerzfreien Zustand zu ließ.
Eine anschließende dreiwöchige stationäre Reha wurde zwar vom behandelnden Chirurgen verordnet – vom ärztlichen Dienst jedoch abgelehnt. Also war üben zu Hause angesagt: In der Therme Bewegungsbäder nehmen, in der Frühlingssonne liegen, stetig ausgedehntere Spaziergänge unternehmen, tägliche Physiotherapie, manuelle Therapien und Massagen. Einen ordentlichen Schritt weitergebracht haben mich Bowtech-Anwendungen in der 14ten und 15ten Woche und anschließende klassische chinesische Akupunktur – kann ich beides nur empfehlen! Ab der 16ten Woche konnte ich mit ersten leichten Übungen im Fitness-Studio beginnen.
Fazit: Im Grunde genommen ist die Akutphase der Verletzung gut und nach Fahrplan verlaufen. Weder sind Entzündungen aufgetreten, noch mussten Korrekturen vorgenommen werden. Probleme haben besonders die ersten Gehversuche nach der ersten Operation bereitet, wenn wundert’s? Insbesondere Treppen sind angesichts des wochenlang notwendigen belastungsfreien Sohlenkontakts die reinste Hölle, vor allem wenn man ohne Aufzug im vierten Stock wohnt. Ständig schwebte eine unbedachte Belastung des kaputten Beins wie ein Damoklesschwert über mir. Aber keine Sorge, nach ein paar geglückten Versuchen macht es Klick im Kopf und plötzlich geht es. Ein Phänomen, das in Folge übrigens noch öfters auftritt. Die Schmerzen waren in Ruhestellung insgesamt eher unbedeutend, es war mehr das Gefühl eine zugezogene Schraubzwinge am Knie zu haben. Bei Beugeversuchen hat allerdings das Schloss der Cerclage erhebliche Probleme bereitet. Diclofenac 75, am Morgen eingenommen, hat es aber erträglich gemacht. Wichtig war es (und ist es noch immer) kleine Erfolge zu feiern, sich erreichbare Ziele zu stecken und „am Ball zu bleiben“. Das ist indes im Laufe des Heilungsprozesses nicht immer leicht und das Gefühl Aufgeben zu wollen gewinnt immer mal wieder die Oberhand. Ich hab’s einfach zugelassen, denn es vergeht von selbst!
Nach nunmehr 17 Wochen kann ich gut ohne Krücken gehen und wieder Autofahren. Erste Wanderungen haben die 5 Kilometer geknackt, ohne das es Folgen gegeben hätte. Zwar ist das Knie im Vergleich mit dem gesunden noch leicht geschwollen, aber immerhin lässt sich wieder eine deutliche Struktur erkennen. Probleme bereitet der Muskelschwund im linken Bein, vor allem am Quadriceps (Oberschenkelmuskel) und die Schiefstellung der Körperachse, was aber beides seitens der Ärzte angekündigt war. Letzteres wird zur Zeit mit einer Therapie nach Dorn korrigiert und die Muskulatur muss “wachgeküsst” und dann behutsam antrainiert werden. Für das nächste halbe Jahr werde ich hier Dauergast sein.
Die Prognose hört sich indes gut an: Im August wieder (richtig) Wandern, im Herbst erste Bergtouren, im Winter wieder Skifahren … warten wir’s ab!